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Nicht automatisch: Schreiben in den Ingenieurwissenschaften

Freitag, 31. August 2018

Schreiben – insbesondere das wissenschaftliche Schreiben – stellt oft eine Herausforderung dar. Mit der „Schreibmaschine“, wurde eine Institution geschaffen, die speziell Studierenden ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge Unterstützung anbietet. André Deutscher, Leiter des Projekts, erzählt im Interview, inwiefern Studierende von der "Schreibmaschine" profitieren.

Écriture automatique heißt eine Methode des freien, assoziativen Schreibens, die in den 1920er Jahren von den französischen Surrealisten um André Breton genutzt wurde. Dabei ging es darum, alle Gedanken und spontanen Einfälle unmittelbar nach dem Aufwachen ungefiltert zu notieren, um eine neue Art der Literatur zu erschaffen. Ein nachträgliches Redigieren des Geschriebenen war im Rahmen dieses Schreibverfahrens nicht nur nicht notwendig, sondern sogar „verboten“.

Im Vergleich dazu ist das Schreiben im Ingenieuralltag oft nicht so einfach. Dabei müssen Ingenieur*innen oft mehr schreiben als erwartet, ohne dass dieses offiziell Teil ihrer Ausbildung wäre. Das Ingenieurstudium lässt meist nur wenig Raum für die Vermittlung von Schreibkompetenzen. Zu komplex sind die fachlichen Inhalte, zu vollgepackt das Curriculum, um den sog. Soft Skills Raum Rechnung zu tragen. Spätestens bei der ersten Facharbeit oder der Bachelorarbeit rächt sich diese Fokussierung auf fachliche Inhalte allerdings, und auch später ist Schreiben und insgesamt wissenschaftliches Arbeiten eine wichtige Grundkompetenz. Das beginnt mit der Recherche und Auswertung wissenschaftlicher Texte, der Erstellung studentischer Arbeiten sowie Protokollen und Laborberichten, setzt sich fort mit der Anfertigung der eigenen Bewerbungsunterlagen, der ersten Publikationen und der Betreuung studentischer schriftlicher Arbeiten bis hin zum Verfassen von Angeboten und Gutachten, der Zusammenstellung von Presseinformationen und der tagtäglichen Kommunikation mit Kunden.

Dass das Schreiben – und insbesondere das wissenschaftliche Schreiben – eine Herausforderung für Ingenieure darstellt, wurde auch in den Ingenieursfakultäten erkannt. „Schreibmaschine“ heißt eine Zweigstelle des Schreibzentrums, die Studierende der Ingenieurwissenschaften beim wissenschaftlichen Schreiben unterstützt. Von der Themenfindung über Textfeedback bis zum letzten Schritt der Überarbeitung – in Einzelberatungen und Workshops bietet André Deutscher, Leiter des Projekts, den Studierenden Unterstützung beim wissenschaftlichen Schreiben. Auch die VDI-Nachrichten haben sich des Themas angenommen und veröffentlichten Ende 2017 mit dem Titel „Schreiben lernen“, in dem André Deutscher zitiert wird. Lesen Sie hier seine Antworten zu einigen weiterführenden Fragestellungen rund um die „Schreibmaschine“:

Seit wann gibt es die Schreibmaschine und wie ist die Idee entstanden?
Die Fakultät für Maschinenbau und das Projekt ELLI haben Anfang 2016 mit dem Schreibzentrum zusammengearbeitet. Die Fakultätsvertreter haben so die Arbeit des Schreibzentrums kennengelernt. Danach kam es zur Idee, eine Zweigstelle des Schreibzentrums (zunächst nur) für die Fakultät für Maschinenbau zu errichten, um den Studierenden vor Ort Unterstützung beim wissenschaftlichen Schreiben zu bieten.
Zum Wintersemester 2016/2017 konnte ich mit der Arbeit an der „Schreibmaschine“ beginnen. Nach etwa einem Monat haben die anderen Fakultäten (Bau- und Umweltingenieurwissenschaften sowie Elektro- und Informationstechnik) Interesse gezeigt und ich konnte meine Arbeit von einer auf alle drei ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten ausweiten. Es gab in diesem Semester bereits die ersten Beratungen und Workshops, und im Sommersemester 2017 sind die Studierenden dann so richtig darauf aufmerksam geworden. Der Name ergibt sich übrigens aus „Schreiben“ und „Maschinenbau“ bzw. Elementen beider Begriffe, die zu einem geflügelten Wort zusammengesetzt wurden.


Wie gehen Sie in Ihren Beratungen vor? Was erwartet Studierende und Promovenden, wenn Sie zu Ihnen kommen?
Das kommt ganz darauf an, mit welchen Anliegen sie zu mir kommen. In einer Beratung kann alles behandelt werden – vom Infogespräch bis hin zum Textfeedback. Einige Studierende kommen zunächst zu mir, weil sie wissen wollen, was die „Schreibmaschine“ genau ist und wie ich sie bei ihrer Arbeit hinsichtlich des Schreibens unterstützen kann. Daraus ergeben sich oft Folgeberatungen. Andere Studierende kommen direkt mit konkreten Anliegen. Manche suchen Orientierung, weil es ihre erste Arbeit an der Uni ist, manche suchen Hilfe bei der Strukturierung und Formulierung eines Exposés für eine Bachelorarbeit. Für viele ist der Gedanke, bald eine umfangreiche Arbeit von 20-100 Seiten schreiben zu müssen, etwas beunruhigend, weil sie sich nicht mit dem Wissen und den Techniken gerüstet sehen, so viel zu schreiben. Wieder andere möchten ein Textfeedback zu einem Teil ihrer Arbeit. Das Spektrum möglicher Anliegen ist riesig. Im Grunde gilt, dass jedes Anliegen, das mit wissenschaftlichem Schreiben zusammenhängt, erst einmal an mich herangetragen werden kann.
Auch wenn Studierende ihre Fragen meistens schon in einer Mail vorab umreißen, ist es für mich wichtig, dass wir zu Beginn der Beratung klären, was der Grund des Treffens ist. Danach besprechen wir gemeinsam, worauf wir uns in der Beratung (max. 60 min) fokussieren wollen. Im Beratungsgespräch versuche ich dann, Anregungen zu geben, indem ich Methoden aufzeige oder Material zur Verfügung stelle. Manchmal ist es auch mein Nachfragen zur gewählten Struktur, zum Vorwissen etc., das Studierende dazu anregt, sich mit etwas zu beschäftigen, etwas zu überdenken, zu reflektieren oder in Erfahrung zu bringen, um das jeweilige Thema bearbeiten zu können, das sie zu mir geführt hat.
Teilweise kommen Studierende häufiger und wir vereinbaren regelmäßige Beratungstermine (bspw. alle zwei Wochen). Für manche ist diese regelmäßige Verabredung ein guter Rahmen für die eigene Arbeit. So ist nicht direkt der Druck des Abgabetermins da, aber eben ein zeitlicher Rahmen. Ich kontrolliere natürlich niemanden, aber wenn es den Studierenden hilft, diese Regelmäßigkeit zu haben, dann ist das natürlich gut. Es ist auch für mich spannend, Studierende bzw. ihre Texte von der Anmeldung bis zur Abgabe zu begleiten.

Wie werden die Angebote der Schreibmaschine in Anspruch genommen? Wie ist die Resonanz unter den Studierenden?
Dass es überhaupt ein Angebot zum wissenschaftlichen Schreiben gibt, überrascht die meisten Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen positiv. Für viele Studierende insbesondere aus den technischen Bereichen hat Schreiben wenig mit dem Studium zu tun, bis sie dann vor ihrer Bachelorarbeit sitzen.
Im ersten halben Jahr wurde das Angebot nur von wenigen Studierenden beachtet, ich musste die „Schreibmaschine“ erst bekannt machen. Ab dem Sommersemester 2017 ging es dann so richtig los. Ich kann mich noch gut an den ersten Workshop erinnern. Thema war „Die erste schriftliche Arbeit“ und es waren insgesamt 19 Studierende anwesend. Das hat mich total gefreut und innerlich war das für mich so ein jetzt-geht’s-richtig-los-Gefühl. Mittlerweile sind alle Workshops (im Durchschnitt 14 Stück in der Vorlesungszeit und sechs in der vorlesungsfreien Zeit) gut besucht. Bei den Beratungen merke ich kleine Wellen. Gegen März und September kommen sehr viele, da viele Studierende zum jeweiligen Monatsende ihre schriftlichen Arbeiten abgeben müssen. Dementsprechend ruhiger sind die Monate Oktober und April. Es gibt aber auch genügend Studierende, die ihre Arbeiten unabhängig vom Semesterende schreiben. Die Studierenden nehmen das Angebot also insgesamt gut an und empfinden das Angebot als sehr hilfreich.

Was wünschen Sie sich von Dozent*innen und Professor*innen?
Offenheit und Akzeptanz dem Thema gegenüber, aber was das betrifft, spüre ich auch keinen Gegenwind, sondern Unterstützung. Es ist für mich natürlich sehr schön, wenn ich von Studierenden erfahre, dass die Lehrenden und Betreuenden sie auf mein Angebot aufmerksam gemacht haben. Am besten wäre es, wenn alle Anlaufstellen, an die sich Studierende richten (Studienberatung, Betreuende, Fachschaften etc.) die Angebote der „Schreibmaschine“ kennen und auf mich verweisen würden. Jeder in der I-Reihe sollte wissen, dass es hier eine Anlaufstelle für Studierende gibt, zu der sie bei Fragen zum wissenschaftlichen Schreiben kommen können.
Darüber hinaus wäre es für die Studierenden und die Betreuenden hilfreich, wenn es mehr Gelegenheiten gäbe, das Schreiben zu üben. Ich will nicht dafür plädieren, dass Studierende mit Unmengen an zusätzlichen Arbeiten konfrontiert werden. Es gibt aber viele Möglichkeiten, das Schreiben in den Lehrbetrieb einzubetten und es bspw. als Denkinstrument während der Vorlesungen zu nutzen. So könnte das Schreiben im ingenieurwissenschaftlichen Studium zu etwas Normalem werden.
Wichtig wäre auch ein guter Umgang mit Texten in Form von Feedback. Studierende können durch Feedback der Betreuenden, das zur Überarbeitung des Textes anleitet, ihre Texte maßgeblich verbessern. Ich bekomme teilweise mit, wie viel Arbeit die Betreuenden in die Betreuung stecken, die Ergebnisse sind manchmal aber für beide Parteien am Ende doch nicht befriedigend. Studierende ändern ihre Texte nach Gesprächen mit den Betreuenden, teilweise wissen sie aber nicht, warum genau sie etwas ändern sollten.

Wie lässt sich in den Ingenieurwissenschaften mehr Aufmerksamkeit für das Thema Schreiben erreichen?
Durch solche Interviews zum Beispiel ;-) Ich versuche natürlich, Studierende, Studienberatungen und Fachschaften regelmäßig über Rundmails, Moodle, Aushänge des aktuellen Workshopprogramms und das generelle Angebot der „Schreibmaschine“ zu informieren.
Ich denke, dass Studierende in dem Moment, in dem sie von dem Angebot und der Bandbreite der Themen erfahren, merken, dass das Schreiben ein Thema für sie ist. Von alleine würden sich die meisten wahrscheinlich nicht im Vorfeld mit dem wissenschaftlichen Schreiben beschäftigen, sondern erst Hilfe suchen, wenn sie konkret vor Problemen stehen – was nicht selten eine Woche vor dem Abgabetermin der Fall ist. Ich höre auch oft, dass viele Studierende nichts zu dem Thema wissen, sich einfach allgemein informieren möchten und deshalb zu mir kommen. Natürlich ist es auch gut, wenn Betreuende ihre Studierenden an mich verweisen oder Studierende das untereinander tun.
Dazu kommt aber auch, wie schon erwähnt, dass dem Schreiben im Studium generell mehr Raum gegeben werden könnte/sollte. Für Studierende wird das oft nur punktuell in Studienabschlussphasen ein Thema. Sie denken oft, dass das Schreiben im Studium und im Beruf keine oder nur eine sehr kleine Rolle spielt. Deshalb wäre es sowohl für das Studium als auch für den späteren Beruf hilfreich, wenn das Schreiben mehr ins Studium integriert würde.

Offene Sprechstunde der „Schreibmaschine“: montags 13.00 - 15.00 Uhr in IC 2/165 und nach Vereinbarung schreibmaschine@rub.de